Hier ein Vortrag von Prof. Dr. Rolf Bertram - Mitglied des Wiss.Beirats von
Attac-Deutschland zum Tschernobyl-Tag
Er beschreibt Zusammenhänge, wie im Prinzip sogar nach wie vor Atomenergie
befördert wird und welchen Sinn und Unsinn manche Institutionen haben, die
eigentlich etwas anderes sollen, als Atomenergie zu befördern.
Welche Forderungen bestehen, die einen Ausstieg endgültig aus der
Atomenergie bis 2020 ermöglichen.
Sehr interessanter Vortrag!
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Rolf Bertram - 26.April 2005 - Vortrag in der Uni Göttingen zum
Tschernobyl-Tag (Vortragsmanuskript-Kurzfassung)
Der Supergau von Tschernobyl - grenzenlose Folgen gestern, heute und morgen
Am 26. April 1986, 1.23 Uhr, kam es im Block IV des Kraftwerkes zu einer
nicht mehr kontrollierbaren Kettenreaktion. Eine rasend schnelle Überhitzung
("Leistungsexkursion") und die schnelle Bildung explosiver Gase sprengen den
Reaktor. Hunderte von Radionukliden werden frei. Das bis dahin "praktisch
Unmögliche" ist eingetreten: der SuperGAU.
Mit einem Unfall, wie er sich in der Ukraine im Atomkraftwerk Tschernobyl
ereignete, hatten weder Politiker noch Fachleute gerechnet.
Innerhalb weniger Tage wurden riesige Landflächen von Westeuropa und
Kleinasien mit radioaktiven Substanzen kontaminiert. Seitdem ist nichts mehr
wie es war !
(Über die genaue Unfall-Ursache wird bis heute spekuliert: menschliches
Versagen....... bis Erdbeben.)
Die in Tschernobyl freigesetzte Radioaktivität ist auch heute noch - 19
Jahre nach dem SuperGau - praktisch unvermindert in unserer Umwelt und in
unseren Lebenskreisläufen. An den Folgen der weiträumigen und
grenzüberschreitenden Verseuchung sind bisher weit über 25.000 Menschen
gestorben. Zehntausende sind an Leukämie, an anderen Krebsleiden sowie an
chronischer Immunschwäche ("Tschernobyl-Aids") erkrankt.
Der Boden in den besonders betroffenen Gebieten ist für alle Zeiten
verseucht. Das gilt auch für Anrainerstaaten, die selbst keine AkW
betreiben: BELARUS, ist z.B. stärker betroffen als die Ukraine.
(Radioaktivität hält sich nicht an Staatsgrenzen)
In den Tagen nach der Katastrophe wurden konkrete Daten und Erkenntnisse in
verantwortungsloser Weise manipuliert und offiziell verbreitet. Wir wurden
von Verharmlosungen geradezu überflutet : "..kein Anlass zur Besorgnis " und
"..eine Gefährdung der Bevölkerung ist vollkommen ausgeschlossen..." . Bis
heute werden die Informationen über die tatsächliche Strahlengefährdung
zurückgehalten.
Der Supergau von Tschernobyl ist die bisher folgenschwerste Katastrophe
der Atomtechnologie. Die Beteuerungen, bei uns könne sich so etwas nicht
ereignen sind völlig haltlos. In jedem Atomkraftwerk -egal wo gelegen und
wie gebaut- kann es zu einem Supergau kommen.
Im Falle einer ähnlichen Katastrophe hier mit massiver Freisetzung von
Radioaktivität würde große Gebiete Deutschlands für Jahrhunderte unbewohnbar
machen. Für Millionen auch in den nachfolgenden Generationen wären Siechtum,
Tod und vererbbare Mißbildungen die unausweichliche Folge.
Alle wirtschaftlichen und sozialen Strukturen wären auf lange Zeit zerstört
oder funktionsunfähig . Arbeitsplätze, die Gesundheitsreform, das
Bildungsystem,
wirtschaftliche Verzahnungen, ökologische Belange würden angesichts der dann
vorherrschenden Probleme nebensächlich und nachrangig.
Tschernobyl zeigt, wie bedrohlich und illusionär es ist, an die Sicherheit
technischer Systeme zu glauben.
Tschernobyl zeigt, daß es Bereiche gibt, wo Restrisiken und deren Folgen
(im Namen des sog. "erforderlichen Fortschritts") nicht mehr
hingenommen werden dürfen.
Meine Hoffnung ist, daß die mahnende Erinnerung an die Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl und die Darlegung der heute bekannten Folgen dazu
beitragen, vielen Menschen die Augen zu öffnen für das, was
verantwortungslose Interessengruppen sowie ahnungslose und korrumpierte
Politiker angerichtet haben. Bis zur Stunde lebt die Atomindustrie davon,
daß sie mit Einverständnis der Behörden und der zuständigen Politiker die
Probleme leugnet oder wegdefiniert.Die seit Tschernobyl vor Augen liegenden
Risiken werden von der politisch verantwortlichen Klasse sowie von den
marktbeherrschenden Energiekonzernen in Kauf genommen. Das ist nicht nur
grobfahrlässig, das ist Mittäterschaft an einem menschenverachtenden
technologischen Abenteuer.
Allein im Jahr 1990 stieg in Belarus die Zahl der Neuerkrankungen an
Schilddrüsenkrebs bei Kindern um mehr als das 30fache. Während in den ersten
Jahren radioaktives Jod (J 131) als wesentliche schädigende Komponente
auftrat, erfolgt der hauptsächliche Pfad der Strahlenbelastung inzwischen
über die Nahrung vorrangig durch radioaktives Cäsium und durch Strontium
sowie durch Hunderte anderer Radionukliden. Die meisten davon werden weder
registriert noch bei der Bewertung der Strahlengefährdung berücksichtigt .
Das gilt insbesondere für Radiokohlenstoff C-14 , der in Tschernobyl durch
den wochenlangen Brand der Graphitmassen freigesetzt wurde. Dazu muß man
wissen, daß der natürliche Kohlenstoff aus 98,89 % C-12 rund 1,11 % C-13
besteht. Bei der hohen Neutronenbestrahlung innerhalb eines Reaktors wird
C-13 in einer (n,gamma)- Reaktion zu radioaktivem Kohlenstoff
("Aktivierung"). Da Kohlenstoff Teil des natürlichen Stoffwechsels ist,
dient er als wesentliches Bau-Element der lebenden Substanz . Mit der
Aufnahme von C-14 (Halbwertszeit 5736 Jahre) wird also eine betastrahlende
Substanz inkorporiert. In den hochverstrahlten Bereichen ist C-14 zweifellos
wesentliches erbschädigendes Radionuklid .
Verhängnisvolle Lobby
Trotz des massiven Anstiegs von Schilddrüsenkrebs nicht nur bei Kindern,
sondern seit Jahren auch bei Jugendlichen und Erwachsenen, verbreitet die
IAEA nach wie vor bagatellisierende Pressemitteilung und beruft sich dabei
auf Aussagen von UNSCEAR, dem wissenschaftlichen Komitee der UNO für die
Effekte der Atomstrahlung.
UNSCEAR erklärt noch im Jahr 2000 zu den medizinischen Strahlenfolgen des
Tschernobyl-Unfalls:
"Es gibt keinen Hinweis auf eine größere Auswirkung für die Gesundheit der
Bevölkerung, die man 14 Jahre nach dem Unfall der Strahlenbelastung zuordnen
könnte, abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen)
Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern. ... Es gibt keinen wissenschaftlichen
Hinweis auf Anstiege der Inzidenz oder Mortalität an Krebs allgemein oder an
nicht bösartigen Gesundheitsstörungen, die mit Strahlenbelastung in
Beziehung gebracht werden könnten. "
Was mag der Grund für solche infamen und verantwortungslosen Darstellungen
sein ?
Die Gründe werden offenbar, wenn man sich einmal die Satzung dieser
weltweit operierenden Organisationen ansieht. Diese zeigt dass die IAEA
keineswegs neutral sondern in Wirklichkeit eine Lobby der Atomwirtschaft
ist, deren wichtigste Funktion darin besteht, "...den Beitrag der
Atomenergie für Frieden, Gesundheit und Wohlstand weltweit zu beschleunigen
und auszuweiten .... (sie) berät und unterstützt in technischer Hinsicht die
Mitgliedstaaten bei der Entwicklung der Kernkraft. ... sie fördert die
Anwendung von Strahlung und von Isotopen in der Landwirtschaft, Industrie,
Medizin, Biologie und Hydrologie..."
Zwischen der IAEA und der WHO existieren u.a. Vereinbarungen mit fataler
Auswirkung:
Art. I.2:" . . wird es von der WHO anerkannt, dass die IAEA vor allem die
Aufgabe hat, Forschung, Entwicklung und praktische Anwendung der Atomenergie
für friedliche Zwecke weltweit zu ermutigen, zu fördern und zu koordinieren.
"
Art.III.1:". . Die IAEA und die WHO erkennen an, dass es notwendig sein
kann, gewisse Einschränkungen zur Wahrung vertraulicher Informationen, die
sie erhielten, anzuwenden. "
Im Klartext also eine Freibrief zur Vertuschung und zur Irreführung. Denn
gestützt auf diese Vereinbarungen kann die IAEA verlangen,dass Erkenntnisse
z. B. zu den tatsächlichen Gesundheitsfolgen von Reaktorkatastrophen, die
nicht im Einklang stehen mit den Interessen der IAEA, von der WHO
zurückgehalten werden.
Im Ernstfall hilflos !
Als Reaktion der Bundesregierung auf den Supergau wurden eine Reihe von
gesetzlichen Regelungen erlassen, die vermeintlich einen höheren Schutz
gewährleisten (z.B. die Verteilung von Jodtabletten). Überprüft man diese
Anordnungen mit kundigen Augen, so erkennt man die Hilflosigkeit der
Behörden gegenüber einer atomaren Katastrophe:
- danach sollen nur akut auftretende Schäden verhindert oder begrenzt
werden.
- Spätschäden, wie Leukämie, Krebs, Missbildungen in den nächsten
Generationen, sollen so weit wie möglich vermindert werden.
- Der Gefährdung des ungeborenen Lebens durch radioaktive Strahlung wird
dabei aber nicht ausreichend Rechnung getragen.
Mit der Behauptung, unterhalb eines bestimmten Strahlenpegels gäbe es keine
gesundheitsschädigende Wirkung, wurde die Öffentlichkeit jahrzehntelang
getäuscht.
Eine Inkorporation von Radionukliden ist unvermeidbar.
Entgegen der Behauptung der Betreiber atomtechnischer Anlagen, werden diese
Radionuklide bereits während des sogenannten Normalbetriebs freigesetzt.
Dabei handelt es sich u.a.um in der Atmosphäre schwebende radioaktive
Partikel, die mit der Atemluft aufgenommen werden. Im Lungengewebe kann in
der Umgebung der Haftstelle eine gigantische Strahlendosis auftreten.
Die im amtlichen Strahlenschutz verwendeten dosimetrischen Beziehungen
verlieren im Bereich dichtionisierender Niedrigstrahlung (z.B.
Alphateilchen, Neutronen) ihre Gültigkeit. Zahlreiche Forschungsergebnisse
der letzten Jahre zeigen, daß die Schadwirkung auf lebendes Gewebe z.T. um
das Tausendfache unterschätzt wird.
Sinn und Unsinn von Katastrophenschutz
Aus der Megakatastrophe sollten wir lernen, dass unser bisheriges Wissen
und unsere technischen Möglichkeiten nicht ausreichen, um die atomare
Großtechnologie zu beherrschen. Ich zweifle auch an, daß es angesichts der
uns innewohnenden Fehlerhaftigkeit und unserer begrenzten Reaktionsfähigkeit
jemals gelingen wird, technische Prozesse zu kontrollieren, die einen
angemessenen Eingriff innerhalb weniger Sekunden ("Leistungsexkursion")
erfordern.
Es darf nicht vergessen werden, daß auch ohne Katastrophen eine schleichende
Freisetzung radioaktiver Substanzen stattfindet. Auf allen Stufen des
Produktionsprozesses, vom Uranabbau bis zur Endlagerung kommt es zu immensen
Umweltschädigungen und zur anhaltenden Verseuchung von Menschen und Natur.
Schon gar nicht dürfen wir zulassen, daß weiterhin irreversible
Veränderungen der Genstruktur verursacht werden, denn das menschliche Genom
ist die Grundlage unserer Existenz. Es ist erwiesen, daß Radionuklide die
stärksten cancerogenen und mutagenen Substanzen sind , die wir kennen.
Wie man aus weniger gravierenden Ereignissen weiß, würde bei einer
Atomkatastrophe, die eine Evakuierung erforderlich macht, das gesamte
Verkehrssystem außer Kontrolle geraten. Helfer und Ärzte -selbstverständlich
auch von Panik ergriffen- würden zunächst die eigene Haut retten. Das heißt
weder die medizinische noch die sonstige Versorgung von radioaktiv
verseuchten Menschen wäre gewährleistet. Für Hochverstrahlte fehlt es nicht
nur an geeigneten Intensivstationen sondern auch an qualifizierten
radiologisch vorgebildeten Ärzten.
Die Katastrophenplanung geht zum Teil von unrealistischen Voraussetzungen
aus. So wird zum Beispiel angenommen, daß zwischen Störfallbeginn und
Kernschmelze mehrere Tage vergehen. Nach neueren Erkenntnissen bleiben
vermutlich aber nur zwei bis vier Stunden bis zur Kernschmelze. Innerhalb
dieser knappen Zeitspanne ist eine geordnete Evakuierung unmöglich. Gegen
atomtechnische Katastrophen gibt es nur ein wirksames Mittel: ABSCHALTEN !
Klimaschutz mittels Atomenergie ist unmöglich !
Obwohl die Atomenergie für die Energieversorgung vollkommen überflüssig
ist, redet die Atomlobby seit einiger Zeit von einer "Renaissance der
Atomenergie" um das "Weltklima zu retten".
Richtig ist, daß die gegenwärtige Beschleunigung des Klimawandels mit all
ihren verheerenden Folgen die schwärzesten wissenschaftlichen Prognosen
übertrifft. Um das Klima zu retten, muß so schnell wie möglich die
Verbrennung von Öl, Kohle und Gas unterbunden werden.
Klimaschutz mittels Atomenergie ist jedoch unmöglich !
Der Ersatz von Öl-, Kohle- und Gas durch Atomenergie erfordert den Zubau von
mehr als
10 000 (Zehntausend) Atomkraftwerken. Um auch nur 10 Prozent der fossilen
Energieträger bis zum Jahr 2050 zu ersetzen, müßten bis zu 1000 neue
Atomkraftwerke errichtet werden.
Der Klimakiller CO2 würde durch den Lebenskiller Radioaktivität ersetzt.
Jüngere Untersuchungen zeigen übrigens, daß die Behauptung, die Atomkraft
emittiere kein CO2, falsch ist ! Summiert man nämlich alle CO2-emittierenden
Prozesse die zur Erzeugung von Atomstrom und zur Entsorgung des Atommülls
erforderlich sind ( Prospektion und Schürfung der Uranerze, Transporte,
verfahrenstechnische Trennung und Anreicherung, Errichtung der notwendigen
atomtechnischen Anlagen, der Betrieb von WAA , Konditionierung des
Atommülls, Zwischenlagerung und Endlagerung (für einige hunderttausend
Jahre), so übertrifft die damit verbundene CO2-Emission sogar den
CO2-Ausstoß von mit fossilen Energieträgern betriebenen Kraftwerken
Eine von EUROSOLAR dieser Tage vorgelegte Studie besagt, daß die bis 2020
abgestellten bzw. veralteten Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke vollständig
durch Regenerative Energien (Wind, Sonne, Bioenergie und Erdwärme) ersetzt
werden können.
Resümee
Da die Atomenergie prinzipiell nicht beherrschbar ist, der Betrieb
atomtechnischer Anlagen zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen von
Gesundheit und Lebensraum führt,
Tausende von Generationen nach uns an den Folgen der Atomtechnik erkranken
und sterben werden, Transport und Zwischenlagerung von Atommüll mit Risiken
verbunden sind, die nach dem heutigen Kenntnisstand nicht zu bewältigen
sind, und die sichere Endlagerung von Atommüll nicht zu gewährleisten ist,
sind energiepolitische Entscheidungen erforderlich ,
- die verstärkt auf Investitionen zur Erhöhung der Effizienz und auf den
Ausbau der
Regenerativen Energien setzen,
- die den ATOMAUSSTIEG untermauern durch Abschaffung der Subventionen und
der
Steuer-Privilegien,
- die alle Ansätzen eines "come-back" der Atomenergie verhindern,
- die den EURATOM-Vertrag kündigen, der den weiteren Ausbau der
Atomtechnologie sichert,
- die die Förderung von Atomenergie und Kernfusion beendet.