Zusammenfassung
der wichtigsten
AUSSAGEN
ZUR RINDERSTUDIE:
Dr. Christoph Wenzel
(Tiermediziner und Mitverfasser der Studie):
„Das
Resümee des Ministeriums stimmt nicht mit der Realität, mit dem was wir
produziert haben, überein. Insofern möchte ich den Umgang des Ministeriums mit
unseren Ergebnissen als etwas fragwürdig bezeichnen. ... An sich reichen die Ergebnisse, nicht nur
unserer Studie, zur Zeit aus, um handeln zu können.“
„...dass
auch eine erhöhte Anzahl von Missbildungen bei Kälbern gefunden wurde, die
BVD-negativ waren, wo man die Missbildungen von vorne herein nicht mit dem BVD
erklären kann.“
„Die
Rinder kauen weniger wieder und sie liegen auch weniger, und wir deuten diese
Ergebnisse als chronischen Stress. Diese Annahme wird unterstützt durch
Veränderungen beim Stresshormon – außerdem haben wir eine Immunschwäche bei
diesen Kühen festgestellt, und es gibt deutliche Anzeichen für eine
Zellteilungsstörung.“
„
Es waren auch Mikrokerne im Blut verändert, was ein Anzeichen auf
Erbgutveränderung
ist.“
Prof. Wolfgang Löscher
(Tiermedizinische Fakultät Hannover):
„In der Rinderstudie gab es signifikante
Hinweise darauf, dass bei diesen Rindern möglicherweise eine erbgutschädigende
Wirkung durch hochfrequente Sendeanlagen stattgefunden hat. ... In der
Gesamtheit der Beobachtungen, die alle in Richtung eines Effektes gehen, zeigt
die Rinderstudie besorgniserregende Tendenzen in Richtung einer möglichen
Gesundheitsgefährdung.“
Dr. Wolfgang Klee
(Tiermediziner, Universität München)
„Meiner Meinung nach ...
sind die Ergebnisse so zu interpretieren, dass von einer Entwarnung nicht die
Rede sein kann.“
Professor Unselm
(Universität München)
„...dass er sich für die
Öffentlichkeit klarere Worte gewünscht hätte, ... dass eine Nichtgefährdung
durch Mobilfunk in keiner Weise bewiesen ist.“
(alle Zitate aus Bayerisches
Fernsehen, Sendung Unkraut bzw. Aus Altbayern und Schwaben Januar/Februar 2001)
Aussagen von Vertretern der Ärztekammern:
Professor Hajo Eckel
(Bundesärztekammer) in
ARD-Report/Mainz (Herbst 200)
„Dass wir präventiv aus
Vorsorge für die Bevölkerung eben hier auf eine deutliche Verminderung des
Grenzwertes dringen.“
Frage Reporter: Ist es nicht
fahrlässig, von Seiten des Bundesamtes für Strahlenschutz an den gegenwärtigen
Grenzwerten festzuhalten?
„Ich halte es für sorglos,
ja, wenn man daran festhält! Und sie werden von uns dringend aufgefordert, sich
mit den wissenschaftlichen Ergebnissen, und es handelt sich um seriöse
wissenschaftliche Ergebnisse, das sei hier betont, auseinander zu setzen.“
Bayerisches Fernsehen,
Unkraut, 2/2001:
Dr. med. H. Hellmut
Koch (Präsident der Bayerischen Ärztekammer)
Frage: Glauben Sie, dass die
Grenzwerte, so wie sie jetzt gesetzt sind, unsere Bevölkerung ausreichend
schützt vor Elektrosmog?
„Ich glaube, dass sie nicht
ganz ausreichend schützen vor Elektrosmog. Wir haben sehr viele
unterschiedliche Studien. Studien, die eine Gefährdung zeigen, aber auch
Studien, die zeigen, dass die Handys vollkommen harmlos sind. Wir wissen aber,
dass gepulste Strahlung – und um die geht’s bei den Handys – im Niederfrequenz-
und im Hochfrequenzbereich auf jeden Fall biologisch aktiv sind. Wir wissen
aber nicht, ob das etwas bedeutet.
Frage: Was fordern Sie
deshalb?
„Wir fordern deshalb, dass
aus Vorsorge für die Bevölkerung die Grenzwerte niedriger angesetzt werden, als
sie derzeit sind, bis geklärt ist, ob Handys ein Gesundheitsrisiko darstellen
oder nicht.“
Aussagen zu Kindern und Jugendlichen mit Handy:
Professor Dieter König
(Fachhochschule Kempten):
„Bei Kindern scheint die
Empfindlichkeit deutlich erhöht zu sein, gegenüber der von Erwachsenen – das
scheint erwiesen zu sein – und die Folge sollte sein, dass man eben nicht in
der Nähe von Kindergärten Sendemasten errichtet, die direkt die Kinder
beeinflussen können. Ich glaube, das gehört wieder zum Vorsorgeprinzip, ohne
dass man genaue Daten darüber hat, zu sagen, wir wissen nichts Genaues, aber
wir lassen das mal bleiben, vorsichtshalber.“
Nach: Praktischer Tierarzt 83, Heft 3, 260-267 (2002)
Schlütersche GmbH & Co KG Verlag und Druckerei, ISSN 0032-681 X
Aus dem Institut für Tierhygiene, Verhaltenskunde und
Tierschutz der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität,
München
Das Verhalten von Milchrindern
unter dem Einfluss elektromagnetischer Felder1)
C. WENZEL, ANNA-CAROLINE WÖHR UND
J. UNSHELM
1) Das Projekt wurde finanziert vom
Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen.
ZUSAMMENFASSUNG:
Landwirte registrierten
in der Umgebung von Mobilfunksendeanlagen auffälliges Verhalten und
Gesundheitsstörungen bei ihren Kühen. Im Rahmen dieser Arbeit wurden daher
Verhaltensbeobachtungen durchgeführt, um einen etwaigen Zusammenhang zur
Strahlenexposition zu klären. In 30 Anbindeställen wurde das Liege-, Steh- und
Futteraufnahmeverhalten von Kühen sowie auffällige Verhaltensweisen erfasst.
Zusätzlich wurde auf acht dieser Betriebe das Verhalten auf der Weide
beobachtet. Die Betriebe wurden anhand ihrer Exposition durch hochfrequente
elektromagnetische Felder (Summenexpositionsfaktor E*) in Gruppen eingeteilt
und die Daten miteinander verglichen. Im Stall unterschied sich das
Liegeverhalten, auf der Weide das Tagesverhaltensprofil und das
Wiederkauverhalten auf Betrieben, die über Ensemblemittelwert exponiert waren,
signifikant gegenüber Betrieben mit schwächerer Exposition, sodass vermutet
wurde, dass die Strahlenwirkung einer chronischen Stressbelastung ähnelt. Die Befunde geben insgesamt Hinweise auf einen biologischen
Effekt, dem Gesundheitsstörungen und Leistungseinbußen folgen könnten.
SCHLÜSSELWÖRTER:
elektromagnetische
Felder, Verhalten, Milchrinder
SUMMARY:
To establish a nationwide mobile phone network,
thousands of antennas have been erected in the German landscape. Mobile phone
companies often prefer the roofs of stables for their antennas. Some farmers,
however, have reported abnormalities in the behaviour of their cattle since the
electromagnetic fields have been established. Therefore, this study was
conducted to examine the behaviour of cows exposed to a high-frequency
electromagnetic field. Investigations were carried out on 29 milk farms with
different levels of exposure to an electromagnetic field. All cows were kept in
stanchion stables during winter. From May to November, on 8 farms they were
also observed on pasture. Farms were grouped according to their electromagnetic
exposure levels, and data were compared between groups. Significant differences
were found in lying behaviour, daily behaviour profile on pasture and
ruminating behaviour, which could be interpreted as the cows' response to these
fields. Findings could be interpreted as chronic stress and show a biological
effect of a high frequency electromagnetic field.
KEY WORDS:
electromagnetic transmitters, behaviour, dairy cows
Landesweit
werden Mobilfunksendeanlagen auf Gebäudedächern und Masten installiert.
Landwirte in der Umgebung solcher Antennen registrieren auffälliges Verhalten
und Gesundheitsstörungen bei ihren Kühen, die als Effekt der hochfrequenten
elektromagnetischen Felder betrachtet werden (Löscher 1999, Wittkowski et al.
1998). Dabei sind Kühe besonders beeindruckend, die phasenweise ihren Kopf zur
Seite und somit von der Sendeanlage weg wenden (Kopf-zur-Seite-gewendet
Verhalten) (Löscher u. Käs 1998).
In
Literaturübersichten können Algers und Hennichs (1983) sowie Anderson und
Phillips (1985) zwar Änderungen im Verhalten nach niederfrequenter
Strahlenexposition aufzeigen, aber keinen kausalen Zusammenhang herstellen.
Bisherige Studien über Rinder beziehen sich auf niederfrequente
elektromagnetische Felder ausgehend von Hochspannungsleitungen, die vor allem
im Feld durchgeführt wurden (Algers et al. 1981, Algers u Hennichs 1985, Algers
u Hultgren 1987, Amstutz u Miller 1980, Angell et al 1990) Es herrscht
generelle Übereinstimmung, dass niederfrequente 50/60-Hz-Felder biologische
Effekte verursachen können (Löscher 1999) In einem künstlichen geopathogenen
Feld untersuchen Broucek et al (1997) das Verhalten von Rindern Das
Liegeverhalten unterscheidet sich in Dauer und Sequenz, sodass nach Ansicht der
Autoren das Wohlbefinden der Tiere beeinflusst wird Insgesamt aber bleibt die
Risikoabschatzung für landwirtschaftliche Tierhaltungen basierend auf diesen
Studien unklar, da zwischen den Effekten und pathologischen Auffälligkeiten
kein kausaler Zusammenhang hergestellt werden kann Um neuere Vermutungen über
Zusammenhange zwischen Gesundheit, Leistung und Verhalten von Rindern und
hochfrequenten elektromagnetischen Feldern zu untersuchen, ist vom Bayerischen
Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen ein zweijähriges
Forschungsprojekt in Auftrag gegeben worden (Volmer et al. 2001, Wenzel et al.
2001, Wuschek 2001) Von zwei veterinärmedizinischen 2 Arbeitsgruppen wurden 38
landwirtschaftliche Betriebe untersucht.
Als ein Parameter wurde das Verhalten von Milchkühen beobachtet, das
hier im Folgenden vorgestellt wird.
Tiere,
Material und Methodik
Stallbeobachtung
In 30
Anbindeställen in Bayern (18) und Hessen (12) wurde das Liege-, Steh- und
Futteraufnahmeverhalten sowie auffällige Verhaltensweisen von drei bis fünf
nebeneinander aufgestauten Kühen an zwei aufeinander folgenden Tagen
videotechnisch erfasst. Die übrigen acht Betriebe des Gesamtprojekts waren
Laufställe, in denen nicht beobachtet wurde, da dort gezeigtes Verhalten mit
Anbindehaltung nicht vergleichbar war.
Die
Betriebe waren Milchproduzenten an Grünlandstandorten und wurden zu annähernd
gleichen Anteilen von den Betreiberfirmen der Mobilfunksendeanlagen, vom
Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen und von
Haustierärzten benannt. Einige Betriebsinhaber baten von sich aus um die
Einbeziehung in die Erhebungen. Letztendlich wurde die Auswahl willkürlich
getroffen. Durchschnittlich wurden pro Betrieb 24 Kühe der Rassen Rotbunt,
Schwarzbunt, Fleckvieh und Braunvieh gehalten. Es fanden sich Betriebe mit
Rotbunt und Schwarzbunt ausschließlich in Hessen, solche mit Braunvieh in
Bayern. Fleckvieh wurde in beiden Ländern angetroffen. Ein Drittel der Ställe
sind Neubauten aus den vergangenen drei Jahrzehnten, 17 sind älter und drei
sind umgebaute Altbauten. Eine Überprüfung des Stallklimas ergab einheitlich
für alle Betriebe die typischen Verhältnisse in Warmställen. 27 Betriebe hatten
Kurz- oder Mittellangstände, die übrigen Langstände Die Maße der Tierplätze
entsprachen auf allen Betrieben nicht den Mindestanforderungen. Insgesamt
wurden aus tierärztlicher Sicht die Haltungsbedingungen als mäßig beurteilt.
696 Stunden
Filmmaterial wurden folgendermaßen analysiert: Mit einem visuellen Abtasten der
Kühe wurde das Verhalten gemäß dem in Tabelle l dargestellten Ethogramm
erfasst. Als Aufnahmemethode wurde für das Normalverhalten ein Zeitintervall
von zehn Minuten gewählt. Damit wurden die Verhaltensweisen sechsmal pro Stunde
und 144-mal pro 24 Stunden erfasst und als Frequenz wiedergegeben.
Auffälliges
Verhalten im Stall wurde durch kontinuierliche Beobachtung erfasst und jedes
Auftreten notiert.
Acht der 30
untersuchten Betriebe hielten durchschnittlich 17 Kühe von April/Mai bis
Oktober/November tagsüber zwischen den Melkzeiten auf der Weide. Dort wurden
die Tiere im Spätsommer an zwei Tagen beobachtet.
Die Weide
war bei vier Betrieben unmittelbar am Hof gelegen. Bei den übrigen wurde über l
km Wegstrecke vom Stall zur Weide zurückgelegt Sechs Betriebe erweiterten die
Grasefläche täglich (Portionsweide), zwei Betriebe bewirtschafteten
Umtriebsweiden. Wahrend der Beobachtung wurden die Weiden nicht gewechselt.
Wasser wurde über je eine Tranke bereitgestellt. Die Weiden waren in vier
Fallen durch einige am Rand stehende Bäume und Büsche strukturiert. Keine der
Weiden hatte einen Unterstand. Die Weidegatter, Tränkeeinrichtungen und
Salzlecksterne befanden sich in allen Fällen im hofnahen Bereich. Neu
portioniert wurde immer im hoffernen Bereich (Tab 2).
Die Tiere
wurden zwischen 10 und 16 Uhr gemäß dem in Tabelle 3 aufgeführten Ethogramm auf
der Weide beobachtet. Kontakt zu den Tieren wurde dabei immer vermieden. Zum
einen wurde das Verhalten aller Tiere mit den Kategorien Liegen, Stehen,
Lokomotion und Futteraufnahme alle 15 Minuten aufgenommen. Zusätzlich wurde alle
30 Minuten der Aufenthaltsort der Kühe auf der Weide protokolliert. Dabei wurde
gemäß einer Skizze zwischen dem Hof naheliegenden Bereichen und dem Hof fernen
unterschieden. Zum anderen wurden fünf Tiere des Bestandes willkürlich
ausgewählt, zur individuellen Unterscheidung vor Austrieb markiert und dann
direkt und kontinuierlich beobachtet.
Die
Beobachtung per Intervallmethode (Scan-sampling in Verbindung mit Instantaneous
sampling) ermöglichte das Erfassen von Zustandsverhaltensweisen, die nach ihrem
Auftreten langer andauern Es war sehr wahrscheinlich, dass sich die
Verhaltensweisen im Zeitintervall jeweils nicht änderten Der Anteil der
beobachteten Verhaltensweisen an den Gesamtbeobachtungen wurde als
Häufigkeit/Zeiteinheit (Frequenz) angegeben Mit der Dauerbeobachtung auf der
Weide konnte zusätzlich auch die Dauer von kürzeren Ereignisverhaltensweisen
(Liegestellung, Wiederkauen) angegeben werden (Martin u Bateson 1993) Die
Einzelwerte der Variablen aus allen Beobachtungstagen wurden jeweils pro
Betrieb zusammengefasst und gemittelt, sodass pro Betrieb und Variable ein Wert
zur Verfugung stand (n)
Die
Feldstärkemessungen wurden im Rahmen des Projekts von einem Ingenieurbüro
durchgeführt und dokumentiert (Wuschek 2001.) Dabei wurde die Strahlenbelastung
als Summenexpositionsfaktor E* bezüglich der zur Zeit gültigen Grenzwerte in
Promille angegeben. Die Betriebe wurden entsprechend ihrer Exposition durch das
hochfrequente elektromagnetische Feld für die erste statistische Analyse in
zwei Gruppen - Exposition (E) und Kontrolle (K) - eingeteilt, für weitere
Auswertungen außerdem in vier Gruppen A-D (Tab 4). Die Mehrzahl der Betriebe
aus Gruppe D lagen in Hessen (9), die meisten A-Betriebe in Bayern (9).
Die lineare
Summe aus Mobilfunk (GSM +), Rundfunk und TV ergab im am stärksten exponierten
Stall 11,6 %o des gesetzlich zulässigen Limits. Die höchste Mobilfunkexposition
wurde mit 5,2 ‰
gemessen Die Grenze zwischen Exposition und Kontrolle lag bei 0,337 ‰.
Zwischen
den Gruppen wurden Mittelwerte mit einem t-Test verglichen. Aufgrund der
Vorbeobachtungen konnten Effekte durch das elektromagnetische Feld bei
intensiver exponierten Rindern (Gruppe E bzw. Gruppe A) erwartet werden. Daher
wurde der Signifikanztest einseitig durchgeführt. Vor dem t-Test wurde ein
Varianzquotienten-Test (F-Test) durchgeführt, um die Gleichheit der Varianzen
zu prüfen. Sofern der F-Test signifikant und damit die Gleichheit der Varianzen
nicht gegeben war, wurden die Daten korrigiert und der t-Test wiederholt. Im
Fall kleiner Stichprobenumfänge wurde auch der t-Test angewandt und
signifikante Ergebnisse wurden als explorativ gewertet (Petrie u Watson 1999)
Außerdem wurden alle Parameter mit der auf dem Hof ermittelten
Mobilfunkexposition korreliert. Das Signifikanzniveau wurde auf p # 0,05 festgelegt Hochsignifikant waren Unterschiede mit p # 0,01.
Ergebnisse
und Diskussion
Stallbeobachtung
Normalverhalten
In allen Gruppen
konnte ein typisches Tagesprofil für Kühe in Anbindung beobachtet werden, bestehend
aus zwei Liegephasen mit mehr als 50 Prozent liegender Tiere zwischen 11 Uhr
und 15 Uhr sowie 23 Uhr und 5 Uhr. Der Aktivitätsverlauf war biphasisch. mit
Höhepunkten morgens und nachmittags während der Stallarbeit (Sambraus 1978).
Das
Liegeverhalten wurde zwischen Mitternacht und 4 Uhr sowie zwischen 12 Uhr und
16 Uhr anhand der Liegelange in den Gruppen A und D analysiert (n = 19). Auf
einem Betrieb der Gruppe A wurde die Videoanlage beschädigt, sodass die
Aufnahme nicht verwertet werden konnte. Es wurde zwischen kurzen (< 10
Minuten), mittellangen (10-60 Minuten), langen (60-90 Minuten) und sehr langen
(> 90 Minuten) Liegephasen unterschieden. Dabei zeigte sich, dass die Kühe
der intensiv exponierten Gruppe A zwischen 0 Uhr und 4 Uhr tendenziell weniger
mittellang lagen als die der schwach exponierten Gruppe D (p = 0,06). Krohn und
Munksgaard (1993) fanden den höchsten Anteil liegender Tiere in der
mittellangen Phase. Dies wurde als eine typische Verteilung der Liegephasen bei
Kühen in Anbindung angesehen. Süss und Andreae (1984) nannten 69 Minuten als
mittlere Dauer einer Liegeperiode für Kühe in Anbindung mit Gitterrost. Der
auffallende Befund aus Gruppe A wurde durch eine signifikant negative
Korrelation der Liegephasenanzahl mit der GSM-Exposition unterstützt
(Korrelation nach Pearson; r = - 0,428; p<0,05), sodass angenommen wurde,
dass die Kühe das Aufstehen und Niederlegen scheuten (Abb. 1). Sie blieben
entweder länger liegen oder legten sich gar nicht erst hin. Die gleiche
Strategie zeigten Färsen beim Vergleich zwischen Anbinde- und Laufstallhaltung,
die als Bewältigung der mangelnden Haltungsform betrachtet wurde (Müller et al.
1989). Da sich tagsüber die Verteilung der Liegephasen nicht unterschied,
konnten haltungsbedingte Einflüsse wie Standlänge und -breite ausgeschlossen
werden.
Ein
weiterer Befund im Liegeverhalten war, dass Rinder der Gruppe A tendenziell
häufiger auf der linken Seite lagen (p = 0,07). Daher könnte die linke
Liegeseite die bequemere Position gewesen sein, die infolge des oben genannten
ausbleibenden Seitenwechsels beibehalten wurde. Broucek et al. (1997) fanden signifikante
Unterschiede zwischen Rindergruppen, die unterschiedlich starken geopathogenen
Zonen ausgesetzt waren. Die linke Körperseite wurde häufiger bei stärkster
Exposition gewählt, die rechte bei schwächerer. Sambraus (1978) berichtete,
dass Rinder im Allgemeinen nahezu gleich oft auf der linken und rechten
Körperseite lagen, obwohl die Liegeseite von zahlreichen Faktoren abhing
(Trächtigkeitszustand, Pansenfüllung, Beschaffenheit und Neigung der
Liegefläche).
Das in
Vorbeobachtungen dokumentierte Kopf-zur-Seite-gewendet Verhalten (Löscher u.
Käs 1998, Wittkowski et al. 1998) wurde auf einem Betrieb der Gruppe A bei
einer Kuh und einem der Gruppe B bei zwei Kühen eindeutig beobachtet. Auf
beiden Betrieben wurde das Verhalten jeweils vor und während der Fütterungs-
und Melkzeiten, also am frühen Morgen und am Nachmittag beobachtet. Es wurde
entweder von einer Kraftfuttergabe oder durch Öffnen des Fressgitters beendet
und trat erst wieder zur darauf folgenden Futterzeit auf. Das
Kopf-zur-Seite-gewendet Verhalten konnte in einem Zeitrahmen mehrfach
auftreten, jeweils unterbrochen durch Stehverhalten, währenddessen Trippeln und
Kopfbewegungen gezeigt wurden, und dauerte unterschiedlich lang an, von wenigen
Sekunden bis zu mehreren Minuten. Vom ersten bis zum letzten Auftreten
vergingen zirka 30 bis 40 Minuten. Es fand keine sichtbare Interaktion zwischen
den Tieren statt, während der Kopf gewendet wurde. Alle drei Tiere wendeten den
Kopf immer in die gleiche Richtung. Eine der Kühe zeigte das Verhalten immer in
Verbindung mit einer vorausgehenden stereotypen, dem Weben ähnlichen Bewegung.
Der
beschriebene Zeitpunkt und das Auftreten des Verhaltens sprachen nicht für
einen direkten Einfluss des elektromagnetischen Feldes. Es wurde angenommen,
dass das Kopf-zur-Seite-gewendet Verhalten dem Erregungsabbau und der
Bewältigung einer unbefriedigenden Situation diente (coping-Strategie). In den
Fütterungs- und Melkzeiten wurden die Tiere durch vielfältige Reize erregt und
ihre Motivation allgemein gesteigert. Es konnten generell vermehrte
Unruhekennzeichen wie Trippeln, Weben oder Kopfbewegungen beobachtet werden,
und es traten am häufigsten soziale Interaktionen auf. Die Kraftfuttergabe und
das Öffnen des Fressgitters führten offensichtlich zur Triebbefriedigung, da
das Verhalten bis zur nächsten Fütterung nicht mehr gezeigt wurde. Nielsen et
al. (1997) konnten bei Färsen in Laufstallhaltung vermehrtes frontales Anlehnen
des Kopfes an Herdengenossen beobachten, wenn das Flächenangebot auf der
eingestreuten Liegefläche pro Kuh am geringsten war. Es wurde als ein Abweichen
vom normalen Verhalten beurteilt und vermutet, dass die Tiere die Überbelegung
des Stalles nur so kompensieren können. Da die Haltung des Kopfes zum
Partnertier - Nasenrücken senkrecht zum Tierkörper des Partners identisch mit
dem Kopf-zur-Seite-gewendet Verhalten ist, wurde angenommen, dass die
Verhaltensweisen identisch waren, sich aber im Ablauf aufgrund der Haltungsform
unterschieden. Angebundene Rinder konnten dieses Verhalten nur mit zur Seite
gewendetem Kopf zeigen. Redbo (1993) beobachtete gehäuft Stereotypien bei
Milchkühen in Anbindehaltung, nachdem die Weidesaison beendet war und, wenn den
Tieren Futter vorgelegt wurde, das sie aber nicht erreichen konnten. Solange
die reizauslösende Situation anhielt und sich der Trieb nicht befriedigen ließ,
lernten die Tiere, die Situation auf andere Weise zu bewältigen (Sambraus
1993).
Das
Tagesprofil der Verhaltenskategorien Liegen, Stehen, Futteraufnahme und
Lokomotion unterschied sich zwischen der Expositions- (E) und Kontrollgruppe
(K). Die meisten Kühe der Kontrollgruppe begannen nach Weideaustrieb Futter
aufzunehmen, die meisten Tiere der Expositionsgruppe nahmen am Nachmittag
Futter auf. Der Anteil liegender Tiere erreichte um 12.30 Uhr in der
Kontrollgruppe fast 80 Prozent. Anschließend fiel der Wert bis 16 Uhr auf 20
Prozent. Der Anteil der liegenden Tiere der Gruppe E war immer unter 50
Prozent. Dieselben Kühe konnten häufiger stehend und in Bewegung beobachtet
werden. Intensiv exponierte Kühe hielten sich überwiegend im hofnahen Bereich
auf. 40 bis 60 Prozent der Kontrollen waren bis zum frühen Nachmittag im hoffernen
Bereich zu sehen. Nach dem Austrieb auf die Weide am Morgen war eine
ausgedehnte Graseperiode zu erwarten, im Anschluss eine Liegephase, dann wieder
eine kürzere Graseperiode und abschließend erneut ein kurzes Hinlegen oder das
Aufstellen am Ausgang der Weide (Porzig 1969). Die Befunde in der exponierten
Gruppe sprachen für ein deutlich abweichendes Verhalten. Da ausschließlich im
fernen Bereich nachportioniert wurde und damit frisches Gras zu erwarten war,
überraschte es außerdem, dass die exponierten Kühe häufiger hofnah zu sehen
waren. Obwohl deren Weiden am Hof lagen und die der Kontrollen außerhalb der
Dörfer, schienen die einzelnen Bereiche der Weide gleich attraktiv. Die
unterschiedlichen Austriebszeitpunkte sollten lediglich zu einer Verzögerung im
Auftreten der ersten Liegephase führen, aber nicht das gesamte Tagesprofil
beeinflussen. Temperaturen zwischen 8 °C und 20,5 °C stellten keine Extreme für
Rinder dar, die zu deutlichen Verhaltensänderungen führen würden (Süss u.
Andreae 1984) (Tab. 2).
Die
Dauerbeobachtung der fünf Fokustiere ergab, dass sich die Wiederkaufrequenz (t
= - 4,445; Freiheitsgrad 6; p <: 0,01) und Wiederkaudauer (t = - 3,437;
Freiheitsgrad 6; p s 0,01) hochsignifikant zwischen den Gruppen E und K
unterschieden (Abb. 2 u. 3). Das Wiederkauen stellte einen essentiellen
Verdauungsvorgang dar, dessen Häufigkeit und Dauer zur physiologischen
Bewertung herangezogen werden konnte (Porzig u. Sambraus 1991). Vermindertes
Wiederkauen war Ausdruck eingeschränkten Wohlbefindens, dessen Ursache die
Exposition mit elektromagnetischen Feldern sein könnte. Negative Korrelationen
der Verhaltensweisen mit der GSM-Exposition konnten diesen Befund unterstützen
(Korrelationen nach Pearson: Wiederkaufrequenz: r = - 0,857; p < 0,01;
Wiederkaudauer: r = - 0,654; p <; 0,05). Es musste berücksichtigt werden,
dass die Anzahl der Werte (n = 8) gering war und jeweils zwei Ausreißer zu
beobachten waren, die den r-Wert verzerrten (Petrie u. Watson 1999).
Die
Ergebnisse lassen auf einen indirekten Einfluss des elektromagnetischen Feldes
schließen.
Die
Ergebnisse lassen auf einen indirekten Einfluss des elektromagnetischen Feldes
schließen. Dabei bleibt die Wirkung der elektromagnetischen Felder im
Organismus ungeklärt. Löscher und Käs (1998) berichten, dass die Auswirkungen
durch Strahlenexposition einer chronischen Stressbelastung ähneln.
Möglicherweise führt ein hochfrequentes elektromagnetisches Feld zur
Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden- sowie
Sympathikus-Nebennierenmark-Achse und weiterer endogener Systeme. Diese
Hypothese wird in einem weiteren Teilprojekt der Gesamtuntersuchung durch eine
veränderte Kortisolausschüttung aus der Nebennierenrinde bei intensiv
exponierten Kühen unterstützt (Wenzel et al. 2002). Vermutungen, die Rinder
würden direkt der Strahlung ausweichen, sind durch die Befunde über die
Weidenutzung und das Kopf-zur-Seite-gewendet Verhalten nicht unterstützt worden
(Harsch 1995, Löscher u. Käs 1998; Wittkowski et al. 1998).
Da das
Verhalten ein sensibler Parameter zur Feststellung der Reaktion der Rinder auf
ihre Haltungsumwelt ist (Anderson u. Phillips 1985), deuten die Resultate
dieser Arbeit - verändertes Liegeverhalten im Stall, untypische Tagesprofile
auf der Weide und Unterschiede im Wiederkauverhalten - auf eine Abweichung des
Organismus im Sinne eingeschränkten Wohlbefindens hin (Unshelm 1991). Die
intensive Exposition mit hochfrequenten elektromagnetischen Feldern könnte die
Lebensbedingungen der Rinder verschlechtern, die mit Verhaltensabweichungen
antworten.
Einflüsse
aufgrund der Betriebsführung auf die Auswertung der Daten können nahezu
ausgeschlossen werden. Denn eine der Untersuchung vorausgegangene
tierhygienische Bewertung der Betriebe (Haltung, Klima, Management) ergibt ein
einheitliches Bild in allen Gruppen. Insofern scheint auch die Auswahl und
geografische Verteilung der Betriebe nicht relevant. Eine Auswirkung der
ungleichen Rasseverteilung in den Expositionsgruppen auf die Resultate kann
weder bestätigt noch ausgeschlossen werden. Es ist zu vermuten, dass Milchkühe
unterschiedlicher Rassen und gleichen Haltungsbedingungen vergleichbares
Verhalten zeigen. Die zweite veterinärmedizinische Arbeitsgruppe des Projekts
hat auf sechs Betrieben aus Gruppe A, fünf aus B, zwei aus C und drei Betrieben
aus Gruppe D der Gesamtuntersuchung BVD-Antikörper-positive Tiere ermittelt
(Volmer et al. 2001). Ein Zusammenhang zwischen BVD-Status und beobachteten
Effekt ist aufgrund der vorhandenen Datenlage nicht abklärbar. Insgesamt
erscheint der Einfluss von Störgrößen im Rahmen dieser Feldstudie gering. In
anderen konnte wegen geringer Gruppengrößen und nicht standardisierter
Beobachtungsmethodik keine verhaltenskundlichen Effekte beim Rind im Bereich
niederfrequenter Strahlung beobachtet werden (Algers et al. 1981, Algers u.
Hennichs 1985, Algers u. Hultgren 1987, Amstutz u. Miller 1980, Angell et al.
1990). Unter kontrollierten Bedingungen dagegen können Zusammenhänge
nachgewiesen werden (Broucek et al. 1997,Burchard et al. 1997/ 1998). Anderson
und Phillips (1985) geben Hinweise, dass Effekte mit der Intensität der
Exposition verknüpft sind. Daher könnte erst die neuzeitliche Anhäufung von
elektromagnetischen Feldern in der Umwelt zu den beobachtbaren Effekten führen.
Dies sollte in weiteren Untersuchungen unter kontrollierten Bedingungen
abgeklärt werden.
Anschriften
der Verfasser: Dr. Christoph Wenzel, Klinik für Wiederkäuer und Schweine, Abt.
Wiederkäuer, Frankfurter Straße1?, 35392 Gießen, Dr. Anna-Caroline Wöhr und
Prof. Dr. Jürgen Unshelm, Institut für Tierhygiene und Verhaltenskunde und
Tierschutz, Schwere-Reiter-Str 9, 80797 München
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Von: Reinhard Rückemann
[rueckemann@papyrus-germany.com]
Gesendet: Mittwoch, 24.
April 2002 02:44
Frankfurter Rundschau
vom 23.04.2002
Sender
beeinträchtigen Kühe
Studie weist
Auswirkung von Mobilfunk auf Rinder nach
Von Detlef Sundermann
Nach einer
Studie der Universität München beeinträchtigen offenbar Mobilfunkstrahlen das
Wohlbefinden bei Milchkühen. Das dreiköpfige Forscherteam spricht von einer
"chronischen Stressbelastung". Das Untersuchungsumfeld umfasste 30
Höfe in Bayern und Hessen.
MÜNCHEN, 22. April. Das
Ergebnis der Expertise könnte Wasser auf die Mühlen der Mobilfunkgegner sein.
In einer zweijährigen Studie haben Veterinäre der Universität München und
Gießen das Verhalten von Milchrindern beobachtet, deren Stall oder Weidefläche
in unmittelbarer Lage von Mobilfunksendern liegt. Die Tiere wurden über mehrere
Wochen zu verschiedenen Tageszeiten über eine Videokamera beobachtet, um äußere
Einflüsse auszuschließen.
Auffällige Befunde
konnten Anna-Caroline Wöhr, Jürgen Unshelm (beide München) und Christoph Wenzel
(Gießen) beim Liegen, in der Ruhephase und beim Wiederkäuen der Probanden
ausmachen. Wie Wöhr der FR erklärte, blieb die Milchproduktion als Indikator
außen vor. "Turbomilchkühe", die Leistungsfutter bekommen,
produzierten weitgehend konstante Milchmengen.
Kühe, die einer hohen
Strahlenbelastung ausgesetzt sind, legen sich auffällig häufig auf die linke
Seite. Frühere Untersuchungen zum Liegeverhalten belegen, dass Rinder
gewöhnlich die linke und rechte Körperseite nahezu gleichmäßig belasten. In
diesem Zusammenhang ergab sich für das Wissenschaftler-Trio noch eine andere
Auffälligkeit. Die Milchlieferanten legen sich in der Ruhephase entweder
überdurchschnittlich lange oder gar nicht hin, weil "die Kühe das
Aufstehen und Niederlegen scheuten", heißt es in dem Bericht, der in der
Fachzeitschrift Der praktische Tierarzt erstmals veröffentlicht wurde.
Außerdem litten die
Mobilfunk-exponierten Rindviecher der Untersuchung zufolge offensichtlich an
Fressstörungen. Die Häufigkeit und die Dauer des Wiederkauens lagen klar unter
dem Durchschnitt. Das Wiederkäuen ist Teil der Verdauung und ein Zeichen des
Wohlbefindens.
Parallel zu den
Verhaltensbeobachtungen konnten die Forscher abweichende Hormonspiegel beim
Cortison und Melatonin messen, letzteres regelt die Schlaf-/Wachphase. Damit
wirken die gepulsten Mobilfunkstrahlen auf die Hirnanhangdrüse und Nebennierenrinden,
lautet die Hypothese der Studie. Die gesamte Untersuchung ist im Internet unter
www.vetmed.uni-muenchen.de
nachzulesen.